Gesellschaftsrechts-Geschichten – Storytelling öffnet den wissenschaftlichen Blick

Gesellschaftsrechts-Geschichten – Storytelling öffnet den wissenschaftlichen Blick

26. November 2018

Ein Fernschreiben des Bundesaufsichtsamts für das Kreditwesen besiegelte am 26. Juni 1974 das Schicksal des Kölner Bankhauses Herstatt. Die Lizenz sei entzogen, alle Schalter müssten sofort schließen. Binnen Stunden kam es zu Tumulten enttäuschter Sparer und Anleger. Dem vorausgegangen waren Rettungsversuche auf höchster Ebene, um den größten Bankenkollaps der deutschen Nachkriegszeit abzuwenden.

Prof. Dr. Holger Fleischer

Von diesen und 22 weiteren „Gesellschaftsrechts-Geschichten“ handelt der gleichnamige von Institutsdirektor Holger Fleischer und Jan Thiessen herausgegebene Sammelband, zu dessen Autoren sechs derzeitige und drei ehemalige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts zählen.

Der Fall des Bankhauses Herstatt löste Zivilverfahren aus, die zu wegweisenden BGH-Urteilen führten. Er war Anlass für eine breite rechts- und wirtschaftspolitische Diskussion über einen wirksameren Schutz für Bankkunden. Die daraus gezogenen Lehren führten beispielsweise zur Verbesserung der Einlagensicherung und trugen langfristig zur Professionalisierung der Aufsichtsratstätigkeit bei.

Wie gewinnbringend es sein kann, den Geschichten hinter letztinstanzlichen Entscheidungen nachzuspüren, zeigen über 20 Autorinnen und Autoren anhand von Sachverhalten, in deren Mittelpunkt Namen wie Mannesmann, Otto, der ADAC oder Rolf Breuer und Leo Kirch stehen. Sie spannen dabei einen zeitlichen Bogen, von der am Beginn des 20. Jahrhunderts im Münchener Wirtschaftsleben entstandenen GmbH & Co. KG bis zu den tiefgreifenden Veränderungen in der deutschen Medienlandschaft um die Jahrtausendwende.

Die auf der Basis historischen Quellenmaterials nacherzählten gesellschaftsrechtlichen Entscheidungen sind das Ergebnis einer 2015 von der wirtschaftsrechtlichen Arbeitsgruppe um Institutsdirektor Holger Fleischer ins Leben gerufenen Forschungsreihe. Die wissenschaftliche Agenda dieses Storytelling-Projekts lädt dazu ein, sich durch den Blick hinter die Kulissen eine ganzheitliche Sicht auf das Gesellschaftsrecht zu verschaffen, um es mit seinen komplexen wirtschaftlichen und politischen Bezügen sowie seinen historischen und philosophischen Grundlagen besser zu verstehen.

„Die Einbettung der Rechtsprechung in einen wirtschaftsgeschichtlichen Kontext macht die größeren Entwicklungslinien der Rechtsfortbildung sichtbar. Mit diesem fallbezogenen Zugang setzen wir einen Kontrapunkt zu abstrakt formulierten höchstrichterlichen Leitsätzen und gesellschaftsrechtlichen Großtheorien. Diese narrative Seite des Gesellschaftsrechts ist bisher zu kurz gekommen“, erklärt Fleischer.

Darüber hinaus liefern die „Gesellschaftsrechts-Geschichten“ frische Impulse für die Grundlagenforschung, von denen Rechtswissenschaft und Rechtsprechung gleichermaßen profitieren können. Nicht zuletzt sollen sie aber auch ihr didaktisches Potenzial entfalten: Während Storytelling seit jeher zur Juristenausbildung gehört, bietet sich diese Methode auch für die gesellschaftsrechtliche Normvermittlung in Richtung der Akteure in der Unternehmenspraxis an. Erfahrungsgemäß finden Lehrstücke mit plastischen Schilderungen von Rechtsverstößen bei den Normadressaten mehr Aufmerksamkeit als abstrakte Prinzipien.

Holger Fleischer, Jan Thiessen (Hrsg.), Gesellschaftsrechts-Geschichten, Mohr Siebeck, Tübingen 2018, XIII + 790 S.

Inhalt:

  • Holger Fleischer: Gesellschaftsrechts-Geschichten – eine Forschungsagenda
  • Holger Fleischer / Till Wansleben: § 1 – Portlandzementfabrik GmbH & Co. KG – BayObLGZ 13 (1913), 69
  • Jan Thiessen: § 2 – Tornado-Fabrik – RG DNotZ 1944, 195
  • Jan Thiessen: § 3 – Sternbrauerei Regensburg – BGHZ 9, 157
  • Holger Fleischer / Elena Dubovitskaya: § 4 – Faba Fahrradbau GmbH – BGHZ 21, 378
  • Jan Thiessen: § 5 – Lufttaxi – BGHZ 31, 258
  • Jan Thiessen: § 6 – Feldmühle – BVerfGE 14, 263
  • Holger Fleischer / Jakob Hahn: § 7 – Rektor – BGHZ 45, 204
  • Jan Lieder / Valentin Müller: § 8 – Kali und Salz – BGHZ 71, 40
  • Holger Fleischer / Stefan Korch: § 9 – Herstatt – BGHZ 75, 96 und BGHZ 75, 120
  • Holger Fleischer / Elke Heinrich: § 10 – Holzmüller – BGHZ 83, 122
  • Lars Leuschner: § 11 – ADAC – BGHZ 85, 84
  • Jessica Schmidt: § 12 – Meilicke – EuGH, Slg. 1992, I-4919
  • Klaus Ulrich Schmolke: § 13 – Girmes – BGHZ 129, 136
  • Jens Koch: § 14 – ARAG / Garmenbeck – BGHZ 135, 244
  • Frauke Wedemann: § 15 – ARGE Weißes Roß – BGHZ 146, 341
  • Walter Bayer: § 16 – Macrotron – BGHZ 153, 47
  • Petra Buck-Heeb: § 17 – Infomatec – BGH NJW 2004, 2668, BGHZ 160, 134 und BGHZ 160, 149
  • Thilo Kuntz: § 18 – Mannesmann – BGHSt 50, 331
  • Jan-Erik Schirmer: § 19 – Kirch / Breuer – BGHZ 166, 84
  • Johannes Wertenbruch: § 20 – Otto – BGHZ 170, 283
  • Holger Fleischer/Jennifer Trinks: § 21 – Von Autokran bis Trihotel – BGHZ 95, 330 bis BGHZ 173, 246
  • Gregor Bachmann: § 22 – Siemens / Neubürger – LG München I NZG 2014, 345
  • Sebastian Mock: § 23 – Kornhaas – EuGH NJW 2016, 223
  • Holger Fleischer: Schlussbetrachtung: Gesellschaftsrechtliche Zeitgeschichte im Fallformat

Weitere Publikationen

Den Auftakt der Forschungsreihe über die "Gesellschaftsrechts-Geschichten" bildete ein programmatischer Aufsatz, der 2015 von Holger Fleischer veröffentlicht wurde:

Holger Fleischer, Gesellschaftsrechts-Geschichten – Annäherungen an die narrative Seite des Gesellschaftsrechts, Neue Zeitschrift für Gesellschaftsrecht 2015, 769–778.

Im Mai 2015 fand eine zweitägige Konferenz deutscher, österreichischer und schweizerischer Gesellschaftsrechtler an der Wirtschaftsuniversität Wien statt, deren Erträge 2016 in einem Sammelband zusammengeführt wurden:

Holger Fleischer, Susanne Kalss, Hans-Ueli Vogt (Hrsg.), Bahnbrechende Entscheidungen – Gesellschafts- und Kapitalmarktrechts-Geschichten, Mohr Siebeck, Tübingen 2016, VIII + 238 S.

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