Alte Codes neu entschlüsselt

Alumna Katharina Pistor im Gespräch

Private Law Gazette 2/2021 – Mit ihrem vielbeachteten Buch The Code of Capital, das unter dem Titel Der Code des Kapitals auf Deutsch vorliegt, ist Katharina Pistor ein doppelter Erfolg gelungen: als Autorin aus der Wissenschaft breite öffentliche Resonanz zu finden und als Juristin ökonomische Debatten zu befeuern. Das Institut zählt die international renommierte, aus Deutschland stammende Columbia-Professorin zu seinen Alumni. Im vergangenen Frühjahr sollte sie als Gastwissenschaftlerin zurückkehren. Pandemiebedingt wurde aus dem gemeinsam mit dem benachbarten Hamburger Institut für Sozialforschung (HIS) geplanten Fellowship ein virtueller Forschungsaufenthalt.

„Wissenschaft hat für mich viel mit menschlicher Connection zu tun“, sagt Katharina Pistor im Video-Gespräch. Selbst in großen Lehrveranstaltungen an der Columbia Law School in New York, wo sie Unternehmensrecht lehrt, ist es ihr wichtig, Gespräche mit den Studierenden zu führen. Ihr vierwöchiges virtuelles Fellowship an den beiden Hamburger Instituten war ebenfalls dicht mit persönlichen Begegnungen gefüllt. Nach einem Gastvortrag über aktuelle Perspektiven auf das Werk von Max Weber am HIS hielt sie die traditionsreiche Ernst-Rabel-Vorlesung am Institut zum Thema „Rechtsvergleichung zwischen Transaktionskosten und politischer Ökonomie am Beispiel der Kapitalgesellschaft“. Hinzu kamen Einzelsprechstunden mit Nachwuchswissenschaftler*innen sowie Reading Groups mit Jurist*innen und Sozialwissenschaftler*innen.

Die Auseinandersetzung mit den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften ist für Katharina Pistor selbstverständlich: „Ich habe mir immer schon das angeeignet, was ich dachte wissen zu müssen“, beschreibt sie mit einigem Understatement, wie sie ihr herausragendes wissenschaftliches Profil entwickelt hat. Seit langem befasst sie sich mit Themen, die außerhalb juristischer Fachgrenzen liegen. Im Rahmen ihres Masterstudiums an der University of London, das sie nach ihrem Jurastudium in Freiburg absolvierte, belegte sie unter anderem sowjetisches Recht und lernte Russisch. Für ihren Master in Public Administration an der Harvard Kennedy School beschäftigte sie sich mit rechtlichen und ökonomischen Aspekten von Übergangswirtschaften in Transformationsländern. In ihrer Dissertation analysierte sie die Eigentumsreformen in Russland und der Tschechischen Republik. 1998 kam sie ans Institut, um das Russlandreferat zu leiten.

Eine Vorlesungsreihe in Harvard, gefolgt von einer Berufung dorthin, führte sie zwei Jahre später zurück in die USA. Der Abschied vom deutschen Wissenschaftsapparat fiel ihr nicht schwer: „Hier konnte ich meine Forschungsthemen immer frei wählen und hatte von Anfang an mehr Publikationsmöglichkeiten.“ Auch die in den USA so einflussreiche Rechtsökonomie war für sie kein Neuland. Die Finanzkrise 2008 bezeichnet sie als den „Startschuss dafür, herauszufinden, was mit dem Finanzsystem eigentlich los ist – also nicht nur, wie es funktioniert, sondern auch, wie es zusammenbrechen kann.“ Mit The Code of Capital hat sie gezeigt, wie das Recht Vermögen im selben Ausmaß schafft wie Ungleichheit. Die Financial Times erklärte es zu den besten Wirtschaftsbüchern des Jahres 2019. „Ich habe das Buch für eine größere Öffentlichkeit geschrieben. Mit einer solchen Reichweite habe ich aber nicht gerechnet. Dass die deutschsprachige Ausgabe jetzt in allen großen Zeitungen besprochen wurde, war für mich ein schönes Homecoming.“

Der Code des Kapitals. Wie das Recht Reichtum und Ungleichheit schafft, Suhrkamp, Berlin 2020

Welche neuen Eindrücke vom deutschen Forschungsbetrieb hat Katharina Pistor von ihrem Hamburger Fellowship mitgenommen? „Ich fand es sehr interessant, hiesige Nachwuchswissenschaftler*innen kennenzulernen. Die Fragen, die Doktorand*innen sich heute stellen, sind ganz andere als zu der Zeit, in der ich mich für die Wissenschaft als Beruf entschieden habe. Ich bin einigermaßen amerikanisiert und setze größeres Vertrauen in die Autonomie jeder einzelnen Person. Vielleicht konnte ich meinen jungen Gesprächspartner*innen gerade dadurch hilfreiche Perspektiven aufzeigen.“


Prof. Dr. Dr. h.c. Katharina Pistor, LL.M., M.P.A. ist Edwin B. Parker Professor of Comparative Law und Leiterin des Center on Global Legal Transformation an der Columbia Law School in New York. Nach ihrem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Freiburg absolvierte sie Masterprogramme in London und Harvard und promovierte an der Universität München. Sie war Russlandreferentin am Institut bevor sie 2000 in die USA zurückkehrte, um zunächst an der Kennedy School of Government in Harvard und seit 2001 an der Columbia Law School zu lehren. Für ihre wissenschaftliche Arbeit wurde Katharina Pistor unter anderem mit dem Max-Planck-Forschungspreis ausgezeichnet.

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