Große Gesellschaftsverträge – Meisterwerke juristischer Praxis

Private Law Gazette 2/2019

Sie haben unternehmerisches Neuland erschlossen, internationale Verflechtungen ermöglicht und Spielraum für neue Wirtschaftszweige geschaffen. Gesellschaftsverträge, die den Aufstieg der Familien Medici, Fugger, Siemens und Rockefeller begleiteten, stellten entscheidende Weichen für die Expansion dieser Imperien. Erprobt an den Herausforderungen der Praxis und geschliffen durch strategisch notwendige Anpassungen wurden sie zu innovativen Modellen für gesetzliche Normen über Personen- und Kapitalgesellschaften. Ihre Urheber waren Juristen, die weder der Gesetzgebung noch der Rechtsprechung dienten, sondern den Unternehmenslenkern beratend zur Seite standen.

Jakob Fugger wurde mit seinem Imperium Vorbild für viele Unternehmensgründer.

„Man möchte meinen, dass Wissenschaft und Lehre dem Gesellschaftsvertrag die gebotene Aufmerksamkeit schenken, aber: weit gefehlt“, sagt Institutsdirektor Holger Fleischer, der ein Forschungsprogramm konzipiert hat, das diese Lücke schließen soll. „Von Ausnahmen abgesehen ist wenig über die Satzungen prominenter privatrechtlicher Organisationen bekannt. Lehrbücher und Kommentare geben kaum Auskunft und Formularbüchern fehlt die Farbe des konkreten Falles.“ Die Spannbreite der wissenschaftlichen Untersuchungen reicht von prominenten Handelshäusern der Renaissance über Protagonisten der industriellen Revolution, wie der Siemens AG und dem Standard Oil Trust, bis hin zu den Internet-Giganten Alphabet und Facebook.

Als die Brüder Ulrich, Georg und Jakob Fugger 1494 ihren ersten schriftlichen Gesellschaftsvertrag schlossen, konnte von einer modernen handelsrechtlichen Gesetzgebung noch keine Rede sein. Seine Konstruktion mit detailliert gefassten Rechten und Pflichten der Gesellschafter macht den Fuggerschen Zusammenschluss in den Augen vieler zu einem frühen Prototyp der offenen Handelsgesellschaft.

Ein ausgeprägter Familiensinn war auch Antrieb für die Entstehung der Siemens AG als multinationale Unternehmensgruppe. Der Weg von der 1847 gegründeten Telegraphen-Bauanstalt Siemens & Halske bis zum Börsengang dauerte 50 Jahre. Er war von einer Internationalisierungsstrategie geprägt, die den Mythos „Made in Germany“ mitbegründete.

Die Ära des „Big Business“ läutete die 1870 von John D. Rockefeller gegründete Standard Oil Company ein. Innerhalb weniger Jahre expandierte das Unternehmen in 13 Bundesstaaten und beherrschte 70% des Weltmarkts. In Umgehung der damals engmaschigen Regulierung der corporation entstand ein komplexes Firmengeflecht, das zunehmend schwer zu lenken war. Hinzu kam das Risiko der Mehrfachbesteuerung durch verschiedene Bundesstaaten. Eine neue Treuhandkonstruktion sollte Abhilfe schaffen. Mit dem Standard Oil Trust Agreement gelang schließlich eine Organisationsform, die als „Mother of Trusts“ in die Wirtschaftsgeschichte einging.

Neben historischen Meisterwerken kautelarjuristischer Praxis nehmen Holger Fleischer und sein Team, Sebastian Mock von der Wirtschaftsuniversität Wien und weitere Autoren auch neuere gesellschaftsrechtliche Gebilde unter die Lupe, wie etwa die Satzung des ADAC e.V. oder den Gesellschaftsvertrag der Bucerius Law School gGmbH. Gespannt darf man auch auf die Analyse von Statuten moderner globaler Verbände wie der Daimler Chrysler AG, der Air Berlin PLC. & Co. Luftverkehrs KG oder der FIFA sein.

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