Schutz und Pflege elternloser Kinder in islamischen Ländern

14. August 2019

Gibt es in den Ländern des Nahen und Mittleren Ostens Strukturen zur Pflege und zum Schutz elternloser Kinder, die mit einer Adoption vergleichbar sind? In dem kürzlich erschienenen Sammelband „Filiation and the Protection of Parentless Children” gehen die Herausgeberinnen Priv.-Doz. Dr. Nadjma Yassari, Leiterin der Forschungsgruppe zum Recht islamischer Länder am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht, Dr. Lena-Maria Möller, wissenschaftliche Referentin der Forschungsgruppe, sowie Prof. Marie-Claude Najm von der Saint Joseph University in Beirut/Libanon dieser Frage nach.

Die Publikation fasst die Ergebnisse eines Workshops zu Abstammung, Pflegschaft und Adoption in islamischen Ländern zusammen, den die Forschungsgruppe „Das Recht Gottes im Wandel – Rechtsvergleichung im Familien- und Erbrecht islamischer Länder“ gemeinsam mit Rechts- und Islamwissenschaftler*innen im November 2017 in Beirut/Libanon abgehalten hat. Unter den Begriff „elternlose Kinder“ werden hier einerseits Waisen und Kinder unbekannter Herkunft (Findelkinder) gefasst sowie anderseits Kinder, denen die väterliche Abstammung aufgrund der oft strengen Rechtsvorschriften fehlt, nach denen der rechtliche Status von nichtehelichen Kindern in den heutigen muslimischen Rechtsprechungen beurteilt wird.

Insgesamt elf Länder von Algerien bis zu den Vereinigten Arabischen Emiraten wurden in die aktuellen Forschungen einbezogen. Ermittelt wird in einem ersten Schritt, wie Abstammung (nasab) in der jeweiligen Jurisdiktion festgestellt wird – z.B. per Gesetz, durch autonome Entscheidung der Parteien oder ein wissenschaftliches Gutachten (DNA-Test) – und welchen rechtlichen und sozialen Status Kinder haben, deren Abstammung nicht einwandfrei festgestellt werden kann. Im zweiten Schritt steht die Frage im Mittelpunkt, ob und gegebenenfalls welche Strukturen zur Pflege und zum Schutz von elternlosen Kindern bestehen und ob durch sie eine rechtliche und soziale Eltern-Kind-Beziehung begründet wird.

Neben den elf Länderberichten bietet der Tagungsband Beiträge zum Thema Abstammung aus der Perspektive der vormodernen sunnitischen, der vormodernen schiitischen Rechtslehre wie auch der internationalen Privatrechtsordnungen der heutigen arabischen Länder. Zudem werden die Forschungsergebnisse rechtsvergleichend analysiert. Als erste Publikation, die sowohl länderspezifisch wie auch rechtsvergleichend Abstammung und Pflege elternloser Kinder in islamischen Ländern untersucht, ist der Tagungsband von hoher praktischer Relevanz, beispielsweise für Rechtspraktiker im Bereich des internationalen Kinderrechts.


<b><span class='author_name'>Nadjma Yassari</span></b> <b><span class='author_name'>Lena-Maria Möller</span></b> <b><span class='author_name'>Marie-Claude Najm</span></b> (Hrsg.), Filiation and the Protection of Parentless Children – Towards a Social Definition of the Family in Muslim Jurisdictions, Asser Press, Den Haag 2019, XI + 412 S.

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