Max-Planck-Gesellschaft

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht

Private Law Gazette
Onlineausgabe Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts
Der Einfluss religiöser Vorstellungen auf die Entwicklung des Erbrechts

Rechtsvergleichung ist mehr als der bloße Vergleich von Normen; und Rechtsgeschichte ist mehr als die bloße Genealogie von Normen. Recht ist immer auch Teil einer Kultur: Es ist kulturell geprägt und ist seinerseits prägender Bestandteil einer Kultur.

Nun ist „Kultur“ ein ausgesprochen schillernder, besonders aus der anthropologischen und soziologischen Literatur bekannter Ausdruck, mit dem die Eigenart einer bestimmten Gesellschaft erfasst werden soll. Eine nähere Bestimmung erscheint so gut wie unmöglich. Allein in dem Zeitraum von 1920 -1950 sind mehr als 150 verschiedene Definitionsvorschläge unterbreitet worden. Gleichwohl ist vermutlich unbestreitbar, dass neben dem Recht auch die Religion zu den Elementen gehört, die eine Kultur maßgeblich prägen, oder doch prägen können. In diesem Sinne wird denn auch als ein Spezifikum der europäischen Kultur ihre christliche Prägung angegeben. Diese christliche Prägung ist gerade auch im Recht immer wieder nachweisbar; man denke im Bereich des Privatrechts nur etwa an das Wucherverbot, das das mittelalterliche Wirtschaftsleben maßgeblich beeinflusst hat, oder an die Herausbildung des Satzes pacta sunt servanda, des Rücktrittsrechts vom Vertrag (fidem frangenti fides frangitur), der clausula rebus sic stantibus und des Prinzips der Naturalrestitution (non remittitur peccatum nisi restituatur ablatum). Freilich setzt der Nachweis derartiger Einflüsse voraus, dass Recht als ein jedenfalls prinzipiell von der Religion (und anderen gesellschaftlichen Steuerungsmechanismen) unabhängiges Normensystem verstanden wird. In der Tat gehört gerade diese prinzipielle Abgrenzung (oder „Isolierung“) des Rechts vom Nichtrecht zu den Eigenarten der römischen Kultur, die hernach auch für Europa charakteristisch geworden sind. Das gilt ganz unabhängig davon, ob man die europäische Rechtslandschaft in vier Rechtskreise, oder zwei Rechtstraditionen unterteilt, oder ob man Europa als die Wiege einer einheitlichen, „westlichen“ Rechtstradition betrachtet. So würde vermutlich niemand auf den Gedanken kommen, das westliche (oder europäische) Recht, oder das kontinentale civil law und das englische common law, oder die romanischen, deutschen, englischen und nordischen Rechtskreise als „christliches“ Recht zu bezeichnen.

Anders liegt dies für zwei Rechtstraditionen, die von Patrick Glenn ausdrücklich als islamisch und talmudisch bezeichnet werden. Hier fallen Religion und Recht in eins, indem die heiligen Bücher beider Religionen die für das Verhalten der Gläubigen maßgeblichen Rechtsvorschriften enthalten. Streng genommen, könnte man deshalb meinen, ist die Frage nach dem Einfluss religiöser Vorstellungen auf das Recht in derartigen Traditionen nicht sinnvoll. In etwas anderem Sinne ist sie es aber doch. Denn allein die Tatsache, dass die für eine bestimmte Gesellschaft maßgeblichen Normen sich in einem heiligen Buch finden, bedeutet noch nicht, dass sie von spezifisch religiösen Vorstellungen geprägt sind: Für die detaillierten Regelungen zum Beispiel über die Intestaterbfolge im islamischen oder jüdischen Recht ist das jedenfalls nicht offensichtlich. Man kann die Themenstellung aber auch so interpretieren, dass sie die Verdrängung (nicht-religiösen?) Stammesrechts in der arabischen Welt durch die im Qur’ān niedergelegten Vorschriften bzw. die Kontinuität oder Diskontinuität zwischen dem traditionell-religiösen jüdischen Recht und dem Recht des Staates Israel betrifft.

Das Erbrecht gehört nun nach so gut wie allgemeiner Ansicht zu den besonders stark kulturell geprägten Materien des Privatrechts; es gehört gewissermaßen zum kulturellen Herzblut einer Rechtsordnung. Es liegt damit nahe, sich mit dem Einfluss religiöser Vorstellungen auf die Entwicklung des Erbrechts zu befassen. Hinzu kommt, dass das Erbrecht in der modernen rechtsvergleichenden und historisch- rechtsvergleichenden Forschung bislang ein Schattendasein führt. Zwar wird dem Propheten Muhammad die Aussage zugeschrieben, man sollte das Erbrecht erlernen, weil es die Hälfte des Wissens darstelle. Doch in den nicht-islamischen Ländern scheint dies anders gesehen zu werden. So gibt es Länder (etwa: England und Schottland), in denen das Erbrecht nicht zum Pflichtprogramm der Juristenausbildung gehört und damit auch kaum Lehrbuchliteratur generiert. Langsam beginnt sich dieses Bild aber zu wandeln.

Zu verstärken beginnt sich offenbar in jüngster Zeit aber auch das Interesse am Thema Recht und Religion. Noch im Jahre 2006 hatte einer der großen Pioniere in diesem Bereich, Harold J. Berman geschrieben: „The scholarly literature on interrelationships of comparative law and religion is skimpy, to say the least.” Diese Äußerung bezog sich speziell auf die Rechtsvergleichung; doch sollten Rechtsvergleicher (und Rechtshistoriker) von vornherein ein stärkeres Gespür für, und ein stärkeres Interesse an, der kulturellen Verankerung des Rechts haben als die Dogmatiker des nationalen Rechts. Freilich hatte Berman selbst bereits 1983 in großem Stil den Einfluss der Kirche auf die Herausbildung der westlichen Rechtstradition herausgearbeitet; von entscheidender Bedeutung für den Prozess der Ausdifferenzierung und Rationalisierung gerade auch des weltlichen Rechts sei die „päpstliche Revolution” des ausgehenden 11. und 12. Jahrunderts gewesen. Dieses Thema verfolgte er zwanzig Jahre später weiter, indem er die Transformation dieser Tradition aufgrund der protestantischen Reformation im 16. Jahrhundert beschrieb. Dazwischen liegt ein Werk unter dem programmatischen Titel Faith and Order: The Reconciliation of Law and Religion (1993). Inzwischen gibt es jedenfalls in den USA immer mehr Rechtswissenschaftler, die sich mit der Thematik befassen und immer mehr law schools, die einschlägige Kurse anbieten. Es liegen eine Reihe von Sammelbänden vor, darunter für den christlich geprägten Kulturkreis der Versuch eines allgemeinen Überblicks. Er erfasst Vertragsrecht, Beweisrecht, Familienrecht, Sozialfürsorge, Menschenrechte und vieles mehr; kurioserweise aber fehlt das Erbrecht. Ein anderer, vor kurzem erschienener Sammelband zum Thema Law and Religion in the 21st Century ist programmatisch mit einer Abbildung der Klosterruine Eldena bei Greifswald geschmückt: „Scholarly relations between law and religion seemed to be destroyed through modernity”, heißt es auf dem Umschlag; „[this] book argues for new life in the ruins.”

Wenn deshalb in einem von Reinhard Zimmermann herausgegebenen und im Jahre 2012 erschienen Sammelband der Versuch unternommen wurde, dem Einfluss religiöser Vorstellungen auf die Entwicklung des Erbrechts nachzuspüren, so war von vornherein klar, dass es hier nur um erste, und notwendig sehr unterschiedliche, Annäherungen an eine komplexe und bislang vernachlässigte Thematik gehen konnte. Das betrifft insbesondere die historisch-vergleichende Perspektive. Behandelt werden mit dem kontinentaleuropäischen civil law, dem englischen common law, dem jüdischen und dem muslimischen Recht immerhin vier der sieben von Patrick Glenn behandelten Rechtstraditionen dieser Welt, und mit dem Recht der germanischen Stämme eine Erscheinungsform der „chthonischen“, und damit einer fünften, Rechtstradition. Allgemeine Aussagen lassen sich aufgrund der in Zuschnitt und Umfang sehr heterogenen Beiträge nicht machen. Doch einiges wäre gewonnen, wenn aus ihnen deutlich wird, wie interessant und vielschichtig die Thematik ist, welche Schwierigkeiten schon eine Konkretisierung des Begriffs der spezifisch „religiösen Vorstellungen“ bereitet, wie komplex die Rezeptionswege sein können, und wie unterschiedlich die Fragestellung in unterschiedlichen kulturellen Kontexten verstanden werden kann (oder muss).