Max-Planck-Gesellschaft

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht

Private Law Gazette
Onlineausgabe Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts
Unbestimmte Rechtsbegriffe im islamischen Familienrecht

Am Beispiel des Begriffs des Kindeswohls untersucht Lena-Maria Möller zurzeit in einem dreiphasigen Postdoc-Forschungsvorhaben die Auslegung unbestimmter Rechtsbegriffe in vier islamischen Rechtsordnungen mit sehr unterschiedlichen rechtshistorischen und sozioökonomischen Hintergründen: Katar, Vereinigte Arabische Emirate, Pakistan und die muslimische Familiengerichtsbarkeit in Israel. Der Auswahl der vier Länderstudien liegt die Annahme zugrunde, dass die gerichtliche Auslegung unbestimmter Rechtsbegriffe im muslimischen Familienrecht auch von zahlreichen nicht religiösen Faktoren geprägt ist. Die Diversität der Länderstudien erlaubt somit einen differenzierteren Blick auf einen Rechtskreis, der oftmals vorschnell als uniform wahrgenommen wird.

Der Begriff des Kindeswohls steht symbolisch für den Wandel, den das Sorgerecht muslimischer Länder in den vergangenen Jahren durchlaufen hat. Das Prinzip, das Kindeswohl bei allen Maßnahmen, die das Kind betreffen, vorrangig zu berücksichtigen, fand seine völkerrechtliche Verankerung 1989 in der UN-Kinderrechtskonvention. Bereits 1980 bekräftigte auch das Haager Kindesentführungsübereinkommen die Überzeugung der Signatarstaaten, dass das Wohl des Kindes in allen Angelegenheiten des Sorgerechts von vorrangiger Bedeutung ist. Dabei ist das Kindeswohl kein Ergebnis rechtlicher Modernisierung. Vielmehr finden sich in allen traditionellen und religiösen Rechtssystemen Regelungen, die den besonderen Schutz Minderjähriger unterstreichen sollen. Dies gilt auch für das islamische Recht.

Allerdings verbleibt das Kindeswohl sowohl im internationalen als auch im nationalen Recht als unbestimmter Rechtsbegriff. Seine Auslegung verlangt daher eine Wertung im Einzelfall, die den konkreten Lebensumständen des Kindes Rechnung trägt. Den Gerichten wird dadurch weitreichendes Ermessen, aber auch große Verantwortung zuteil. Aufgrund seiner Unbestimmtheit liefert die Bewertung des Kindeswohls somit interessante Erkenntnisse über die gesellschaftlichen, kulturellen, wirtschaftlichen und nicht zuletzt auch religiösen Rahmenbedingungen der Rechtsordnung eines Landes. So lässt die gerichtliche Beurteilung des Sorgerechts unter Berücksichtigung des Kindeswohls Rückschlüsse auf die Wahrnehmung von Geschlechterrollen in der Kindeserziehung, den Stellenwert religiöser Zugehörigkeit und Erziehung und idealtypische Familienbilder zu.

Für die erste Phase ihres Forschungsvorhabens hat Lena-Maria Möller ein Forschungsstipendium des Center for International and Regional Studies der Georgetown University School of Foreign Service in Katar erhalten. Ihr aktuelles, einjähriges Forschungsprojekt zum Kindschaftsrecht der arabischen Golfstaaten ist damit Teil der vom Center for International and Regional Studies initiierten Forschungsinitiative „The Gulf Family“.