Max-Planck-Gesellschaft

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht

Private Law Gazette
Onlineausgabe Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts
Interreligiöse Ehen im Spannungsverhältnis von religiösem Recht und staatlichem Recht – Am Beispiel Libanon, Tunesien und Israel
 
 
 
Imen Gallala-Arndts Untersuchung befasst sich mit interreligiösen Ehen und den daraus entstehenden Problemen und Rechtsfragen. Der Begriff der "interreligiösen Ehe" wird dabei weit ausgelegt. Zum einen umfasst er Ehen zwischen Angehörigen unterschiedlicher Religionen, zum anderen aber auch Ehen innerhalb derselben Religion, aber unterschiedlichen Konfessionen. Vor dem Hintergrund der Intensivierung international-privatrechtlicher familiärer Bindungen befasst sich die Untersuchung schließlich auch mit interreligiösen Ehen zwischen Angehörigen desselben Staates und internationalen Ehen. Somit stehen sowohl das innerstaatliche Eherecht als auch die Kollisionsnormen und die jeweilige Rechtsprechung auf dem Gebiet des Internationalen Privatrechts im Fokus der Erörterungen.
 
 
Die Untersuchung befasst sich im Besonderen mit interreligiösen Ehen in Nordafrika und im Vorderen Orient. Im Mittelpunkt stehen dabei die folgenden drei Länder: Israel, Libanon und Tunesien. Diese Länder repräsentieren beispielhaft die unterschiedlichen Typen von interpersonaler Rechtsspaltung oder von Rechtspluralismus: Rechtspluralismus mit Privilegierung des Judentums (Israel), Rechtspluralismus mit Gleichstellung aller anerkannten Religionsgemeinschaften (Libanon) und Rechtseinheit mit Privilegierung des Islams (Tunesien).
 
 
Mit Ausnahme von Tunesien ist das Familien- und Erbrecht in den untersuchten Ländern interreligiös gespalten. Die Bürger unterstehen in ihren familien- und erbrechtlichen Angelegenheiten dem religiösen Recht ihrer jeweiligen Religionsgemeinschaft. Die religiösen Rechte insbesondere der monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam verbieten Eheschließungen mit Andersgläubigen. In Tunesien ist das Familien- und Erbrecht zwar vereinheitlicht, allerdings werden bestimmte interreligiöse Ehen durch die Verwaltungs- und Gerichtspraxis als nichtig betrachtet. Ein geschichtlicher Teil gibt die Entwicklung interreligiöser Ehen in den drei monotheistischen Religionen über das osmanische Reich und die europäische Kolonisation bis in die Moderne wieder. Dieser geschichtliche Überblick zeigt den dynamischen Charakter des Status der interreligiösen Ehe. So wurde die Ehe zwischen einer muslimischen Frau und einem nichtmuslimischen Mann erst nach dem Auszug des Propheten aus Mekka verboten. Auch im jüdischen Recht war zunächst nur die Ehe von Juden mit den Kanaanitern verboten, bevor es später auf alle Nichtjuden ausgeweitet wurde.
 
 
Einen Schwerpunkt der Untersuchung bildet die Frage nach der Vereinbarkeit der rechtlichen Behandlung interreligiöser Ehen mit den Menschenrechten, wie sie in den Verfassungen dieser Länder und in den von ihnen ratifizierten völkerrechtlichen Verträgen verankert sind. Ein zweiter Schwerpunkt behandelt die Frage nach den Auswirkungen der vorhandenen Regelungen auf die Rechtssicherheit. Gallala-Arndt geht dabei davon aus, dass die aus der Behandlung interreligiöser Ehen erwachsene Spannung zwischen den verschiedenen Rechtsvorstellungen und Zielsetzungen der jeweiligen Interessengruppen zu Unstimmigkeiten innerhalb der Rechtsordnung führt, die die Rechtseinheit und -klarheit in einem beträchtlichen Maße stören. Ferner wird untersucht, wie sich die Verzahnung von Recht und Religion auf der staatsrechtlichen Ebene auf die privatrechtlichen Beziehungen innerhalb der Familie auswirkt. Schließlich behandelt die Untersuchung auch die Frage, ob die der Religion im Recht zugedachte Funktion von ihr auch ausgefüllt wird, und berücksichtigt dabei Elemente des jeweiligen Verfassungs- und Privatrechts. In die Untersuchung miteingeflossen sind neben dem Inhalt der Normen über interreligiöse Ehen auch die während der Feldforschung gesammelten Informationen über das gelebte Recht und die Wahrnehmung der Betroffenen. Frau Gallala-Arndt ist mit Prof. Mathias Rohe und der Universität Nürnberg-Erlangen über die Annahme ihres Postdoc-Vorhabens als Habilitation im Gespräch. Die Arbeit soll bis Anfang 2015 abgeschlossen werden.