Max-Planck-Gesellschaft

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht

Private Law Gazette
Onlineausgabe Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts
Max-Planck-Forschungsgruppe: "Das Recht Gottes im Wandel: Rechtsvergleichung im Familien- und Erbrecht islamischer Länder"

 

Die Forschungsgruppe "Das Recht Gottes im Wandel: Rechtsvergleichung im Familien- und Erbrecht islamischer Länder" wird von Frau Dr. Nadjma Yassari geleitet. Die Gruppe besteht bereits seit dem Jahr 2009 und wurde bis Anfang 2016 von der Max-Planck-Gesellschaft gefördert. Dank großzügiger Spenden seitens der Max-Planck-Förderstiftung und von Frau Traudl Engelhorn-Vechiatto, die der Max-Planck-Gesellschaft seit vielen Jahren als Förderndes Mitglied verbunden ist, kann die Forschungsgruppe ihre erfolgreiche Arbeit bis 2021 im bisherigen Umfang fortsetzen.

 

Die ersten Projekte der Forschungsgruppe fokussierten vornehmlich auf das Eherecht und seine Gestaltungsmöglichkeiten sowie die Auswirkungen und die Reichweite von familienrechtlichen Kodifikationen in den isla­mi­schen Ländern. Zwei Dissertationen und zwei Postdoc-Unter­suchungen widmeten sich der Reichweite und den Grenzen dieser Gestaltungsfreiheit. Seit März 2014 widmet sich die Gruppe verstärkt dem Kindschaftsrecht. Dabei stehen zum einen der Grundsatz des Kindeswohls und seine recht­liche Entwicklung (Lena-Maria Möller) und die Zulässigkeit und Ausgestaltung der Adoption in ausgewählten islamischen Ländern (Nadjma Yassari) im Vordergrund. Der Forschungsansatz der Gruppe baut auf drei Säulen auf: a) auf einem interdisziplinären Ansatz und der Erörterung des gelebten Rechts, b) auf einer Rechtsvergleichung innerhalb der islamischen Welt und c) auf dem Einfluss des formellen Rechts auf die Rechtsgestaltung.

 

Interdisziplinarität

Das Projekt erfordert interdisziplinäre Kompetenzen: Die Mitglieder der Gruppe müssen vor Ort Feldforschung betreiben, Gerichtsverhandlungen verfolgen und die Rechtsprechung im Austausch mit den lokalen Akteuren analysieren. Ein Erfassen der historischen, sozialen und wirtschaftlichen Hintergründe der jeweiligen Länder ist genauso erforderlich wie das Verstehen der herrschenden Rechtskultur.

 

Rechtsvergleichung innerhalb der islamischen Welt

Während sich die bisherigen Forschungen zum Recht islamischer Länder auf die Erörterung einzelner Länder oder auf einen Vergleich zwischen einem islamischen und einem westlichen Land konzentrierten, arbeitet die Forschungsgruppe rechtsvergleichend innerhalb der islamischen Welt. Eine profunde Auseinandersetzung mit dem Familienrecht in verschiedenen islamischen Ländern trägt nicht nur zu seinem besseren Verständnis bei, sondern erlaubt auch eine bessere Übersetzung der relevanten Rechtsinstitute in die europäische Rechtssystematik. Darüber hinaus erlaubt die systematische Untersuchung des Familienrechts innerhalb unterschiedlicher Länder Schlüsse über die Wandelbarkeit islamisch geprägter Normen.

 

Einbeziehung des Verfahrensrechts

Die Bedeutung des Verfahrensrechts für das materielle Familienrecht ist bisweilen völlig ausgeblendet worden. Gleichwohl sind die Verflechtungen zwischen dem materiellen und dem formellen Recht mannigfaltig. Das Verfahrensrecht spielt über offensichtliche Zusammenhänge hinaus gerade in den islamischen Ländern eine prominente Rolle. Da das Verfahrensrecht zumeist als ein „werteneutraler“ Rechtsbereich angesehen wird, werden dort Regelungen eingefügt, die, anstatt das materielle Recht direkt anzugreifen, über den Umweg des Verfahrensrechts materiell-rechtliche Reformen einzuführen oder unerwünschte Auswirkungen des materiellen Rechts aufzufangen versuchen.

 

Durch die Berücksichtigung dieser drei Säulen wollen die Nachwuchswissenschaftler ein vollständigeres und entzerrtes Bild des Familienrechts in den islamischen Ländern gewinnen, das die Dynamik der Rechtsentwicklungen wiedergibt.