Max-Planck-Gesellschaft

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht

Private Law Gazette
Onlineausgabe Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts
Forschungsgruppe 2014 - 2016

 

 

 

Die Max-Planck-Forschungsgruppe zum Familien- und Erbrecht islamischer Länder setzt ihre Arbeit, die sie im April 2009 aufgenommen hatte, mit einem neuen Projekt zum Kindschaftsrecht islamischer Länder fort. Der Personalumfang umfasst neben der Stelle als Forschungs­gruppenleiterin, die Nadjma Yassari innehat, zwei Postdoc-Stellen, Imen Gallala-Arndt und Lena-Maria Möller, sowie eine Arabistik-Fachfrau, Tess Chemnitzer. Zudem wird die Gruppe durch einen ägyptischen Juristen, Mohamed Moussa, als Lektor und Übersetzer und durch vier studentische Hilfskräfte, Khashayar Biria, Mesut Akbaba, Fabian Kritzler und Yasar Ohle unterstützt.

In der zweiten Projektphase ist das Kindschaftsrecht zentrales Thema der Forschungsgruppe. Einen Schwerpunkt bilden der Grundsatz des Kindeswohls und seine rechtliche Entwicklung im Sorgerecht in ausgewählten islamischen Ländern. In den letzten Jahren haben die Gesetzgeber zahlreicher islamischer Länder die klassischen islamrechtlichen Regelungen über das Sorgerecht novelliert. Hatten sich diese früher an starren Altersstufen und dem Geschlecht der Eltern und der Kinder orientiert, wurden sie mehr und mehr zugunsten des Grundsatzes des Kindeswohles und/oder zugunsten der Mutter durch Verlängerung der ihr obliegenden Sorgerechtszeiträume angepasst. Diese Entwicklung soll durch eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Gesetzesmaterialien und den Ansichten aus dem juristischen und islamischen Schrifttum sowie durch eine Analyse der Rechtsprechung in ausgewählten islamischen Ländern nachgezeichnet werden.

Zu diesem Zweck ist im Sommer 2014 die Max Planck Working Group on Child Law in Muslim Countries gegründet worden. Die Gruppe setzt sich zusammen aus den Mitgliedern der Forschungsgruppe sowie aus namhaften Wissenschaftlern und hervorragenden Nachwuchs­wissenschaftlern aus den Rechts- und Islamwissenschaften, die sich im Rahmen eines Open Calls beworben hatten.

Die Gruppe wird in einem ersten Schritt durch Länderberichte die Regelungen und die Entwicklung des Sorgerechts sowie die möglichen Folgen der Einführung des Grundsatzes des Kindeswohls in einer Vielzahl islamischer Länder erfassen.

Länderberichte

Diese werden um thematische Beiträge ergänzt: Zum einen wird die Entstehung und Entwicklung des Grundsatzes des Kindeswohls im klassischen islamischen Recht beleuchtet und zum anderen wird der Frage nachgegangen, ob und inwieweit sich internationale Konventionen über das Recht des Kindes auf die Entwicklungen des Sorgerechts in islamischen Ländern ausgewirkt haben. Schließlich erörtert ein dritter, rechtsvergleichender Beitrag die Sorgerechtsregeln in Bezug auf Kinder aus interreligiösen Ehen.

Thematische Beiträge

In einem für April 2015 geplanten ersten Workshop in Rabat/Marokko werden die vorläufigen Ergebnisse vorgestellt und gemeinsam diskutiert. Ziel des Workshops, der in Kooperation mit dem Centre Jacques Berque pour les Études en Sciences Humaines et Sociales au Maroc (www.cjb.ma) ausgerichtet wird, ist es, eine fundierte Grundlage für die Rechtsvergleichung zu erstellen, um die Tendenzen der Rechtsentwicklungen auszuloten und zu analysieren. Die Ergebnisse der Forschungstätigkeit sollen in einer Publikation in englischer Sprache münden. Damit wird eine wichtige Lücke in der wissenschaftlichen Forschung zum Familienrecht der islamischen Länder geschlossen.

Den zweiten Fokus setzt die Forschungsgruppe auf die Adoption und ihre Ausprägung in den islamischen Ländern. Diese Rechtsfigur ist dem klassischen islamischen Recht unbekannt. Viele islamische Länder lehnen sie daher ausdrücklich ab, so etwa Marokko oder die Golfstaaten. Dennoch gibt es einige Länder, die ein solches Verbot nicht aussprechen und eine Annahme als Kind über unterschiedliche Rechtsstrukturen zulassen: Dies ist etwa der Fall des tunesischen Rechts, wo seit 1958 die volle Adoption anerkannt und gesetzlich kodifiziert ist, oder des iranischen Rechts, das die Annahme als Kind in Form einer schwachen Adoption erlaubt. Die Arbeiten zur Adoption gehen den Ursprüngen des Adoptionsverbots nach und beleuchten die Gründe hierfür sowie Wege, wie dieses Verbot umgesetzt bzw. umgangen worden ist.