Max-Planck-Gesellschaft

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht

Private Law Gazette
Onlineausgabe Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts


Forschungsgruppe "Das Recht Gottes im Wandel": Grundlagenforschung

Seit 2009 besteht die Forschungsgruppe „Das Recht Gottes im Wandel“ unter der Leitung von Nadjma Yassari am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht. Sie ist derzeit weltweit die einzige Forschungseinheit, die sich interdisziplinär und rechtsvergleichend mit dem geltenden Recht in islamischen Ländern auseinandersetzt.

 

In ihrem ersten Projekt (2009 bis 2014) widmete sich die Gruppe dem Eherecht und seinen Gestaltungsmöglichkeiten sowie den Auswirkungen und der Reich­weite von familienrechtlichen Kodifikationen in den islamischen Länder. Den Schwerpunkt des zweiten Projekts, das auf den Zeitraum 2014 bis 2019 angelegt ist, bildet das Kindschaftsrecht und seine Entwicklung in den islamischen Ländern.

 

Bis Anfang 2016 wurde die Forschungsgruppe von der Max-Planck-Gesellschaft gefördert. Dank großzügiger Spenden seitens der Max Planck Förderstiftung und von Frau Traudl Engelhorn-Vechiatto, die der Max-Planck-Gesellschaft seit vielen Jahren als Förderndes Mitglied verbunden ist, kann die Forschungsgruppe ihre erfolgreiche Arbeit bis 2021 im bisherigen Umfang fortsetzen.

Forschungsansatz

Der Forschungsansatz der Gruppe baut auf drei Säulen auf:  

 

Interdisziplinarität

Das Projekt erfordert interdisziplinäre Kompetenzen: Die Mitglieder der Gruppe müssen vor Ort Feldforschung betreiben, Gerichtsverhandlungen verfolgen und die Rechtsprechung im Austausch mit den lokalen Akteuren analysieren. Ein Erfassen der historischen, sozialen und wirtschaftlichen Hintergründe der jeweiligen Länder ist genauso erforderlich wie das Verstehen der herrschenden Rechtskultur.

 

Rechtsvergleichung innerhalb der islamischen Welt

Während sich die bisherigen Forschungen zum Recht islamischer Länder auf die Erörterung einzelner Länder oder auf einen Vergleich zwischen einem islamischen und einem westlichen Land konzentrierten, arbeitet die Forschungsgruppe rechtsvergleichend innerhalb der islamischen Welt. Eine profunde Auseinandersetzung mit dem Familienrecht in verschiedenen islamischen Ländern trägt nicht nur zu seinem besseren Verständnis bei, sondern erlaubt auch eine bessere Übersetzung der relevanten Rechtsinstitute in die europäische Rechtssystematik. Darüber hinaus erlaubt die systematische Untersuchung des Familienrechts innerhalb unterschiedlicher Länder Schlüsse über die Wandelbarkeit islamisch geprägter Normen.

 

Einbeziehung des Verfahrensrechts

Die Bedeutung des Verfahrensrechts für das materielle Familienrecht ist bisweilen völlig ausgeblendet worden. Gleichwohl sind die Verflechtungen zwischen dem materiellen und dem formellen Recht mannigfaltig. Das Verfahrensrecht spielt über offensichtliche Zusammenhänge hinaus gerade in den islamischen Ländern eine prominente Rolle. Da das Verfahrensrecht zumeist als ein „werteneutraler“ Rechtsbereich angesehen wird, werden dort Regelungen eingefügt, die, anstatt das materielle Recht direkt anzugreifen, über den Umweg des Verfahrensrechts materiell-rechtliche Reformen einzuführen oder unerwünschte Auswirkungen des materiellen Rechts aufzufangen versuchen.

 

Durch die Berücksichtigung dieser drei Säulen wollen die Nachwuchswissenschaftler ein vollständigeres und entzerrtes Bild des Familienrechts in den islamischen Ländern gewinnen, das die Dynamik der Rechtsentwicklungen wiedergibt.

 

Projekt "Kindschaftsrecht" / Phase II: Abstammungsrecht (2016 bis 2018)

In der zweiten Phase des Projekts zum Kindschaftsrecht legt die Forschungsgruppe „Das Recht Gottes im Wandel“ den Schwerpunkt auf das Abstammungsrecht, insbesondere die Adoption. Diese Rechtsfigur ist dem klassischen islamischen Recht unbekannt. Viele islamische Länder lehnen sie daher ausdrücklich ab, so etwa Marokko oder die Golfstaaten. Dennoch gibt es einige Länder, die ein solches Verbot nicht aussprechen und eine Annahme als Kind über unterschiedliche Rechtsstrukturen zulassen: Dies ist etwa der Fall des tunesischen Rechts, wo seit 1958 die volle Adoption anerkannt und gesetzlich kodifiziert ist, oder des iranischen Rechts, das die Annahme als Kind in Form einer schwachen Adoption erlaubt. Die Arbeiten zur Adoption gehen den Ursprüngen des Adoptionsverbots nach und beleuchten die Gründe hierfür sowie Wege, wie dieses Verbot umgesetzt bzw. umgangen worden ist.

 

Mitarbeiter der Forschungsgruppe 2016-2018: Nadjma Yassari (Leitung), Lena-Maria Möller (Postdoc), Dominik Krell (Wissenschaftlicher Assistent), Stijn van Huis (Wissenschaftlicher Mitarbeiter), Tess Chemnitzer (Arabistik-Fachfrau), Mohamed Moussa (Lektor und Übersetzer) sowie Khashayar Biria, Mesut Akbaba, Fabian Kritzler und Elisa Schweitzer (studentische Hilfskräfte).
 

Projekt "Kindschaftsrecht" / Phase I: Sorgerecht und Kindeswohl (2014 bis 2015)

In ihrem zweiten Projekt hat die Forschungsgruppe das Kindschaftsrecht in den Fokus gerückt. Einen Schwerpunkt bilden der Grundsatz des Kindeswohls und seine rechtliche Entwicklung im Sorgerecht in ausgewählten islamischen Ländern. In den letzten Jahren haben die Gesetzgeber zahlreicher islamischer Länder die klassischen islamrechtlichen Regelungen über das Sorgerecht novelliert. Hatten sich diese früher an starren Altersstufen und dem Geschlecht der Eltern und der Kinder orientiert, wurden sie mehr und mehr zugunsten des Grundsatzes des Kindeswohles und/oder zugunsten der Mutter durch Verlängerung der ihr obliegenden Sorgerechtszeiträume angepasst. Diese Entwicklung soll durch eine vertiefte Auseinandersetzung mit den Gesetzesmaterialien und den Ansichten aus dem juristischen und islamischen Schrifttum sowie durch eine Analyse der Rechtsprechung in ausgewählten islamischen Ländern nachgezeichnet werden.

Dazu ist im Sommer 2014 die Max Planck Working Group on Child Law in Muslim Countries gegründet worden. Diese setzt sich zusammen aus Mitgliedern der Forschungsgruppe sowie aus namhaften Wissenschaftlern und herausragenden Nachwuchswissenschaftlern aus den Rechts- und Islamwissenschaften, die sich im Rahmen eines Open Calls beworben hatten. Die Gruppe hat in einem ersten Schritt durch Länderberichte und ergänzende thematische Beiträge die Regelungen und Entwicklung des Sorgerechts sowie die möglichen Folgen der Einführung des Grundsatzes des Kindeswohls in einer Vielzahl islamischer Länder erfasst.

 

Im April 2015 haben sich die Wissenschaftler zu einem Workshop in Rabat/Marokko getroffen, der in Kooperation mit dem Centre Jacques Berque pour les Études en Sciences Humaines et Sociales au Maroc ausgerichtet wurde, um die Berichte zu präsentieren und gemeinsam zu diskutieren. Die Länderberichte und die Ergebnisse des Workshops wurden 2017 unter dem Titel „Parental Care and the Best Interests of the Child in Muslim Countries“ in englischer Sprache bei T.M.C. Asser Press publiziert .

 

Mitarbeiter der Forschungsgruppe 2014-2015: Nadjma Yassari (Leitung), Imen Gallala-Arndt (Postdoc), Lena-Maria Möller (Postdoc), Tess Chemnitzer (Arabistik-Fachfrau), Mohamed Moussa (Lektor und Übersetzer) sowie Khashayar Biria, Mesut Akbaba, Fabian Kritzler und Yasar Ohle (studentische Hilfskräfte).

 

Projekt "Eherecht in den islamischen Ländern" (2009 bis 2014)

Das erste Projekt der Forschungsgruppe, aufgenommen 2009, fokussierte vornehmlich auf das Eherecht und seine Gestaltungsmöglichkeiten sowie die Auswirkungen und die Reich­weite von familienrechtlichen Kodifikationen in den islamischen Ländern. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, ob und inwieweit die Familienrechte dem Einzelnen Gestaltungsfreiräume gewähren und wie diese Räume genutzt werden. Zwei Dissertationen und zwei Postdoc-Untersuchungen widmeten sich der Reichweite und den Grenzen dieser Gestaltungsfreiheit. Die Arbeit der Forschungsgruppe mündete 2013 in einer internationalen Konferenz zur Dynamik der Rechtsentwicklung im Familien- und Erbrecht in den islamischen Ländern. Das Projekt wurde 2014 abgeschlossen.

 

Informelle Eheschließungen (Nora Alim) 

 

Familienrechtskodifikation in den Golfstaaten (Lena-Maria Möller)

 

Interreligiöse Ehen (Imen Gallala-Arndt) 

 

Brautgabevereinbarungen (Nadjma Yassari) 

 

Konferenz „The Dynamics of Legal Development in Islamic Countries“ (17.-19.10.2013)