Max-Planck-Gesellschaft

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht

Private Law Gazette
Onlineausgabe Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts


Das Recht zwischen den Systemen neu denken –
Der neue Institutsdirektor Ralf Michaels im Gespräch

Seit 1. Juli 2019 ist Ralf Michaels im Hauptamt Direktor am Max-Planck-Institut für Privatrecht nachdem er diese Funktion bereits seit 1. Januar 2019 im Nebenamt innehatte. Er übernimmt damit die Nachfolge von Jürgen Basedow als Institutsdirektor. Hierfür wechselte er von der Duke University School of Law, wo er seit 2002 als Professor tätig war, zurück nach Deutschland. Bevor er dem Ruf an die Duke University folgte war er bereits als Wissenschaftlicher Referent am Institut tätig.

In einem Interview stellt er seine Forschungsagenda vor und spricht über seinen Weg von Hamburg in die US-amerikanische Wissenschaftswelt und zurück.

 

Was sind die wichtigsten Themen Ihrer Forschungsagenda?

Mein Thema ist nicht mehr und nicht weniger als die Entwicklung eines für unsere Zeit adäquaten Rechtsbegriffs und dessen methodische und praktische Implikationen. In Europa denken wir das Recht traditionell als Einheit: Entweder gibt es ein Recht, wie unser nationales Recht, oder es gibt viele Rechte, die aber ihrerseits wiederum separate Einheiten sind. Die Realität des Rechts heute ist aber eine andere. Das Recht ist global aber auch plural, also zugleich eines und viele. Es geht mir darum, einen dieser Realität entsprechenden Rechtsbegriff theoretisch, methodisch und praktisch zu bearbeiten. Theoretisch spreche ich vom Concept of Laws – im Gegensatz zum Concept of Law. Methodisch geht es darum, eine von mir dekolonial genannte Rechtsvergleichung zu entwickeln, die solche Rechte erfassen kann und offen ist für nichtwestliches, nichtmodernes Recht. Und praktisch will ich ein Kollisionsrecht entwickeln, das nicht nur Kollisionen zwischen als separat verstandenen Rechten auflöst, sondern stattdessen innerhalb des globalen pluralen Rechts funktioniert.

 

Sie verfolgen die Entwicklung eines Denkens zwischen den Rechtssystemen. Ist damit so etwas wie eine „Weltformel“ für die Rechtsvergleichung gemeint?

Weltformeln sind immer suspekt, weil sie suggerieren, dass man die ganze Welt von einem neutralen Standpunkt aus sehen könne. Gerade Kollisionsrechtler wissen, dass es einen solchen Standpunkt nicht gibt. Wir schauen immer von einer lokalen Position, also etwa der des deutschen Rechts, auf die Welt als Ganze. Unser Blick auf die Welt und ihr Recht ist immer relational: Er stellt die Beziehung zwischen uns und dem anderen her. Damit ist das Denken zwischen den Rechtssystemen schon angesprochen: Wir sehen beispielsweise das französische Recht nicht an sich, sondern im Verhältnis zu uns. Im Kollisionsrecht ist uns das bewusst: Französisches Recht ist anwendbar, aber nicht an sich – das wäre ohne Einbeziehung französischer Richter gar nicht möglich – sondern in Relation zum deutschen Recht und so, wie es vom deutschen Recht verstanden wird.

Es geht aber noch um etwas anderes: Der Großteil des Rechts spielt sich nicht innerhalb eines Rechtssystems ab sondern zwischen Rechten. Man empfindet traditionell den Fall innerhalb eines Rechtssystems als die Regel und betrachtet Kollisionsrechtsfälle als marginal. Mir gefällt dieser Begriff, denn Kollisionsrecht (und auch Rechtsvergleichung) findet ja tatsächlich on the margins, also an den Rändern des Rechts, statt. Wir müssen erkennen, dass der marginale Fall in diesem Sinne die Regel darstellt.

 

Sie wollen dem traditionell westlich geprägten Rechtsverständnis Alternativmodelle entgegenhalten. Wie könnte ein internationales Privatrecht aussehen, das nicht von Ethnozentrismus bestimmt wird?

Ich habe vor einigen Jahren für meine Vorlesungen an der Haager Akademie begonnen, mir Gedanken dazu zu machen, und war überrascht, wie sehr unser ganzes internationales Privatrecht von einem staatlich-westlichen Rechtsmodell geprägt ist. Das überwindet man nicht einfach indem man auch nichtstaatliche Rechte zur Rechtswahl zulässt, ohne die Grundstruktur zu ändern. Unser gesamtes Instrumentarium ist daraufhin zu prüfen, inwieweit es ein westliches Rechtsverständnis voraussetzt. Nur ein Beispiel: Wir sind gewohnt zu fragen, welche Antwort ein fremdes Rechtssystem auf eine konkrete Rechtsfrage gibt. Solche konkreten Antworten gibt es in staatlichen Rechtssystemen, die Institutionen zur bindenden Beantwortung strittiger Fragen haben, das sind insbesondere deren Gesetzgeber und Höchstgerichte. Und es gibt sie in Rechtssystemen, die als systematisch verstanden werden, sodass auch bislang nicht beantwortete Fragen aus dem System heraus beantwortet werden können. Bei nichtstaatlichen Rechten können wir beides nicht erwarten. Vielmehr müssen wir das aufbringen, was Thomas Bauer hinsichtlich des Islam als Ambiguitätstoleranz bezeichnet – die Anerkennung, dass das fremde Recht nicht eindeutig ist.

 

Sie nennen die Dekolonialisierung der Rechtsvergleichung als einen Ihrer Schwerpunkte. Hat die Rechtswissenschaft in dieser Hinsicht im Vergleich zu anderen Disziplinen Nachholbedarf?

Ich glaube schon, insbesondere im Privatrecht. Im Völkerrecht sehen wir seit Längerem Tendenzen zu einer Dekolonialisierung – ursprünglich vor allem in vormals kolonialisierten Staaten und in den USA, in letzter Zeit auch in Deutschland, insbesondere mit Blick auf das ehemalige Deutsch-Südwestafrika. In der Privatrechtsvergleichung wie auch im internationalen Privatrecht erscheint die Dekolonialisierung vielen als nicht so dringlich, weil das Privatrecht scheinbar weniger mit politischen Fragen zu tun hat. Das ist ein Irrtum: Es geht bei Kolonialisierung ganz maßgeblich um Fragen des Eigentumsrechts und des Vertragsrechts, um nur zwei Bereiche zu nennen. Vor allem aber gibt es epistemologische Annahmen, die uns in der Rechtsvergleichung prägen und die aus der westlichen Moderne stammen. Diese gilt es zu überwinden.

 

Das klingt nach einem Kontrastprogramm zur klassischen Auffassung von staatlichem Recht westlich-europäischer Prägung als Maßstab. Wie lässt sich globales Recht neu erfassen?

Es ist nicht nur ein Kontrastprogramm, denn das staatliche Recht westlich-europäischer Prägung existiert ja und muss auch von der Rechtsvergleichung erfasst werden. Es geht darum anzuerkennen, dass westlich-europäisch geprägte Konzepte so nicht überall existieren. Insofern muss ein globaler Rechtsbegriff umfassender sein. Es ist eine alte Frage sowohl in der Rechtsanthropologie wie auch in der Rechtstheorie, ob man Recht überhaupt abstrakt definieren kann oder nicht. Ich experimentiere im Moment mit einem relationalen Rechtsbegriff: Recht ist das, was von anderen Rechtsordnungen als Recht erkannt wird.

 

Sie möchten das Kollisionsrecht über die Grenzen des Privatrechts hinaus auch auf Gebieten des öffentlichen Rechts bis hin zum Völkerrecht zur Anwendung bringen. Welche Rechtsmaterien haben Sie hier im Blick?

Ich glaube, dass Kollisionsrecht im Grunde für jede Form des Rechts gilt. Das ist kein neuer Gedanke. Gerhard Kegel, der sonst als konservativ gilt, hat ihn geäußert und Karl Neumeyer hat schon 1910 ein internationales Verwaltungsrecht entwickelt. Das internationale Privatrecht ist das am weitesten entwickelte Kollisionsrecht, hauptsächlich weil man im Privatrecht am wenigsten besorgt war, von Staatsinteressen abhängig zu sein. Heute, da einerseits die Trennung zwischen Privatrecht und öffentlichem Recht nicht mehr so stark ist, andererseits aber auch staatliche Interessen durch die Globalisierung relativiert werden, lassen sich die Techniken des internationalen Privatrechts leichter auf andere Bereiche ausweiten. Ich selbst bin vor allem an marktregulierendem Recht wie Kartellrecht und Wertpapierrecht, aber beispielsweise auch am Umweltregulierungsrecht interessiert.

 

Welche Projekte planen Sie konkret zu diesen Forschungsthemen?

Im Bereich der Rechtstheorie arbeite ich an einem Buch zum „Concept of Laws“, das Rechtstheorie und Kollisionsrecht zusammenbringen soll. In der dekolonialen Rechtsvergleichung versuche ich, eine umfassendere Methodik zu entwickeln, die in einem ersten Schritt an religiösen Rechten erprobt werden soll. Im Kollisionsrecht schließlich möchte ich in ausgewählten Rechtsgebieten Modelle einer dezentralen Regulierung testen. Das erste wird das Kartellrecht sein. Es wird zudem eine Menge flankierender Projekte geben: einen Versuch zu erfassen, inwieweit das Grundverständnis des internationalen Privatrechts in allen Ländern dasselbe ist, eine Konferenz zu philosophischen Grundlagen des internationalen Privatrechts, eine Lesegruppe zu Feminismus und internationalem Privatrecht, eine Konferenz zur Rolle des internationalen Privatrechts bei den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Außerdem arbeite ich an einem Kurzlehrbuch zur Rechtsvergleichung.

 

Sie kehren nach siebzehn Jahren an das Max-Planck-Institut für Privatrecht zurück. Was verbinden Sie mit dem Haus?

Als Student in Passau war das Institut für mich das Paradies des internationalen Privatrechts und ich wollte unbedingt dorthin. Ich bin dann für mein Referendariat nach Hamburg gegangen, habe als Gast im Lesesaal an meiner Doktorarbeit gearbeitet und hatte das Glück, dass Jan Kropholler mich als Assistent einstellte. Und ich hatte das Glück, hier meine Frau kennenzulernen. Was das Institut bedeutet, habe ich aber vor allem nach meinem Weggehen festgestellt. Die fantastische Bibliothek hat fast jedes Buch, das man irgendwo zitiert findet. Alle arbeiten hier selbstverständlich rechtsvergleichend. Das ist vielleicht der größte Schatz des Hauses: die Menschen – also die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Gäste im Lesesaal, aber auch das tolle Team der nichtwissenschaftlichen Mitarbeitenden.

 

Was bedeutet Ihnen die Hansestadt persönlich?

Ich bin in Hamburg geboren, auch wenn ich im Rheinland aufgewachsen bin. Meine Eltern haben sich immer als Hamburger empfunden und auch gewisse hamburgische Werte aufrechterhalten. Und ich habe schon als Kind geheult, wenn der HSV verlor. (Damals passierte das noch seltener.) Heute fühle ich mich seltsam vertraut mit Hamburg. Mir liegt die hiesige Mentalität. Zudem wohnen viele meiner Freunde hier. In gewisser Weise komme ich also nach Hause.

 

Worauf freuen Sie sich besonders bei Ihrer neuen Aufgabe als Institutsdirektor?

Ich bin sehr freundlich empfangen worden und es gibt ganz vieles, worauf ich mich freue: die Ausbildung und Förderung von Nachwuchswissenschaftlern, die Zusammenstellung neuer Forschungsgruppen, die Zusammenarbeit im Haus mit den anderen Direktoren, den anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie mit den nichtwissenschaftlichen Mitarbeitenden. Und besonders freue mich darauf, wieder einmal etwas Neues zu machen, worin ich weniger Erfahrung habe und wo ich lernen kann: ein Institut zu leiten.

 

Sie kennen sowohl den europäischen als auch den US-amerikanischen Wissenschaftsbetrieb. Wo sehen Sie die größten Unterschiede?

Da sind natürlich vor allem die Unterschiede im Forschungsobjekt. Deutsche Juristinnen und Juristen wissen nach dem zweiten Staatsexamen unglaublich viel über das gesamte deutsche Recht. Ihre US-amerikanischen Kolleginnen und Kollegen wissen inhaltlich viel weniger, können aber oft besser argumentieren. Dass ich 2002 an eine gute US-amerikanische Universität berufen wurde, lag auch daran, dass man mir zutraute, US-Recht zu lehren, obwohl ich es nie studiert hatte. Das würde umgekehrt eine deutsche Universität mit einem Ausländer nie machen. Auch sind die Grenzen zwischen den Disziplinen in den USA viel durchlässiger: Privatrechtlern wird zugetraut, auch zum Verfassungsrecht etwas zu sagen, oder sogar zu Fragen außerhalb des Rechts. In Deutschland habe ich schon Studierende im fünften Semester getroffen, die sich als „Öffentlichrechtler“ definierten, weil das nun mal ihr Wahlfach war. Das schafft Expertise, aber es beengt auch.

Im Wissenschaftsbetrieb kommt zum Tragen, dass die USA stärker vom individuellen Wettbewerbsgedanken geprägt sind. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verstehen sich eher als Einzelkämpfer: Sie positionieren sich, versuchen an immer bessere Universitäten zu kommen und verhandeln gnadenlos mit ihrem Dekanat. Das kann – wie in jedem Markt – Innovationen und Effizienzen erzeugen. Es führt aber auch dazu, dass die Loyalität gegenüber der eigenen Institution oft nicht so stark ist. Mir erscheint der deutsche Betrieb gediegener, was Vor- und Nachteile hat: weniger Offenheit für Neues vielleicht, aber auch oft mehr Tiefe und Vollständigkeit.

 

Was ist für Sie aus dieser Erfahrung heraus die ideale Verbindung aus den verschiedenen Kulturen?

Ideale Verbindungen gibt es gar nicht, und man soll auch den Kulturunterschied nicht essentialisieren. Was ich gelernt habe? Jede Kultur soll sich auf ihre eigenen Stärken verlassen, anstatt eine andere nachzuahmen. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass die deutsche Rechtsökonomik mittelfristig dieselbe Qualität erreichen kann wie die US-amerikanische. In den USA ist es möglich, als Ökonom an eine juristische Fakultät berufen zu werden, ohne jemals Jura studiert zu haben. Damit ist eine interdisziplinäre Expertise möglich, die eine deutsche Fakultät nicht replizieren kann. Umgekehrt hat die deutsche Dogmatik eine Ausdifferenzierung erreicht, die anderswo nicht möglich ist.

Ich glaube aber auch, dass Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftler nicht gut sein können, wenn sie nicht wenigstens einmal den Kulturschock des ausländischen Rechts erfahren haben. Mein Eindruck von deutschen LLM-Studierenden in den USA war, dass fast alle dieselben drei Stufen durchlaufen. In der ersten Stufe finden sie das US-Recht barbarisch, primitiv und umständlich, denn selbst auf einfachste Fragen gibt es keine klaren Antworten. In der zweiten Stufe erkennen sie die Stärken des US-Rechts – Interdisziplinarität, Offenheit für realistische Argumentation, Praktikabilität und Ausrichtung am Leben – und sind begeistert. Erst in der dritten Stufe können sie beides verbinden und wechselseitig US-Erfahrungen im deutschen sowie deutsche Erfahrungen im US-Recht anbringen. Das Ergebnis ist nicht ein Mischmasch oder eine Synthese sondern die Fähigkeit zum Denken zwischen den Rechtssystemen.