Max-Planck-Gesellschaft

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht

Private Law Gazette
Onlineausgabe Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts


Ist Josef der Vater von Jesus?
Diese und andere Fragen zum Familienrecht

Dezember 2018 – Nach deutschem Recht wäre Josef nicht der Vater von Jesus, da er laut Bibel nicht mit Maria verheiratet war. Um rechtlich der Vater zu sein, hätte Josef die Vaterschaft anerkennen müssen. Wären die beiden allerdings ein Ehepaar gewesen und Jesus somit in die Ehe geboren, wäre Josef automatisch der Vater. Wer Jesus tatsächlich gezeugt hat, spielt dann keine Rolle.
 

Das Thema Abstammung beschäftigt die Menschheit – vor 2000 Jahren wie heute. Auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht setzen sich mit ihm auseinander. Dazu vergleichen sie das Familienrecht verschiedener Länder und entwickeln auf dieser Grundlage Vorschläge für ein modernes Familienrecht, das dem gesellschaftlichen Wandel gerecht wird.

Weihnachtlicher Hinweis: Im Fall der Heiligen Familie wäre das deutsche Recht nicht maßgeblich, denn Maria, Josef und Jesus waren keine deutschen Staatsbürger. Stattdessen müsste die Abstammungsfrage nach dem damals geltenden Recht im Nahen Osten beurteilt werden.

Abstammung und Elternschaft im Nahen und Mittleren Osten

 

Wer versorgt ein Kind ohne väterliche Abstammung?

Mit dem gegenwärtig geltenden Familienrecht im Nahen und Mittleren Osten beschäftigt sich die Forschungsgruppe „Das Recht Gottes im Wandel“ unter der Leitung von Priv.-Doz. Dr. Nadjma Yassari.


Um die Bedeutung des Eltern-Kind-Verhältnisses und des Grundsatzes des Kindeswohls in ausgewählten Ländern im Nahen und Mittleren Osten zu ermitteln, hat die Forschungsgruppe im Sommer 2014 die Max Planck Working Group on Child Law in Muslim Countries gegründet. Diese setzt sich zusammen aus Mitgliedern der Forschungsgruppe sowie aus namhaften Wissenschaftler*innen und herausragenden Nachwuchswissenschaftler*innen aus den Rechts- und Islamwissenschaften.

Während in der ersten Phase ihres Projekts zum Kindschaftsrecht das Sorgerecht im Fokus stand, untersucht die zweite Projektphase bestehende soziale und rechtliche Strukturen, die die Betreuung und den Schutz von „elternlosen“ Kindern gewährleisten. Unter den Begriff „elternlose Kinder“ werden in diesem Zusammenhang einerseits Waisen und Kinder unbekannter Herkunft (Findelkinder) gefasst sowie anderseits Kinder, denen die väterliche Abstammung aufgrund der oft strengen Rechtsvorschriften fehlt, nach denen der rechtliche Status von nichtehelichen Kindern in den heutigen muslimischen Rechtsprechungen beurteilt wird.

Insgesamt zwölf Länder – von Algerien bis zu den Vereinigten Arabischen Emiraten – wurden in die aktuellen Forschungen einbezogen. Ermittelt wurde in einem ersten Schritt, wie Abstammung in der jeweiligen Jurisdiktion festgestellt wird und welchen rechtlichen und sozialen Status Kinder haben, deren Abstammung nicht einwandfrei festgestellt werden kann. Im zweiten Schritt stand die Frage im Mittelpunkt, ob und gegebenenfalls welche Strukturen zur Pflege und zum Schutz von elternlosen Kindern bestehen und ob durch sie eine rechtliche und soziale Eltern-Kind-Beziehung begründet wird.


Publikationen:

Die Ergebnisse dieser Untersuchungen werden in einem 2019 erscheinenden Sammelband präsentiert:

Nadjma Yassari, Lena-Maria Möller, Marie-Claude Najm (Hg.), Filiation and the Protection of Parentless Children: Towards a Social Definition of the Family in Muslim Jurisdictions Asser Press, Den Haag 2019 (im Erscheinen)

Die Ergebnisse der ersten Projektphase zum Thema Kindeswohl liegen in folgendem Sammelband vor:

Nadjma Yassari, Lena-Maria Möller, Imen Gallala-Arndt (Hg.), Parental Care and the Best Interests of the Child in Muslim Countries, Asser Press, Den Haag 2017, XVIII + 353 S.


Forschungsgruppe "Das Recht Gottes im Wandel – Rechtsvergleichung im Familien- und Erbrecht islamischer Länder"

 

Neue familienrechtliche Herausforderungen für das deutsche Recht

 

Wer ist die Mutter im Fall einer Leihmutterschaft?

 

Stets wird das Familien- und Personenstandsrecht mit neuen gesellschaftlichen Realitäten und Lebensformen konfrontiert: von nichtehelichen Kindern und alleinerziehenden Eltern bis hin zu gleichgeschlechtlichen Paaren sowie Trans- und Intersexualität. Im Fokus der Forschungen von Dr. Konrad Duden steht die Frage, wie das Recht auf einen solchen Wandel reagiert bzw. reagieren sollte.

Das Familien- und Personenstandsrecht kann dabei nicht isoliert betrachtet werden. Es ist vielmehr notwendig, andere Rechtsgebiete – wie die Grund- und Menschenrechte – zu berücksichtigten, aber auch andere Fachgebiete, zum Beispiel die Psychologie. Oft kann sich die Untersuchung zudem nicht in der hiesigen, nationalen Rechtslage erschöpfen. Das Recht ist zwar zumeist national. Die Lebenswirklichkeit vieler Familien ist heutzutage jedoch international und mobil. Da zwischen den Rechtsordnungen verschiedener Länder allerdings erhebliche Unterschiede bestehen, kommt es häufig zu Konflikten, die es zu lösen gilt.

Wie wichtig es ist, verschiedene Blickwinkel zu berücksichtigen, zeigt Konrad Duden am Beispiel der Leihmutterschaft – dem Thema seiner Dissertation. Das deutsche Recht verbietet die Leihmutterschaft. Dennoch beauftragen immer wieder deutsche Paare Leihmütter im Ausland. Wenn sie mit den Kindern nach Deutschland zurückkehren, stellt sich die Frage, wer aus Sicht des deutschen Rechts die Eltern des Kindes sind. Darf das deutsche Recht eine Abstammung von den Wunscheltern verweigern, um das Verbot der Leihmutterschaft durchzusetzen? Oder muss es zum Wohle des Kindes bzw. aufgrund seiner Grund- und Menschenrechte eine Elternschaft der Wunscheltern anerkennen?

In seiner rechtsvergleichenden Studie stützt sich Konrad Duden auf sechs Rechtsordnungen, in denen Leihmutterschaft zulässig ist, und analysiert, wann aus Sicht des deutschen Rechts die Wunscheltern auch die rechtlichen Eltern sind. Die Ergebnisse setzt er in Bezug zu den Grund- und Menschenrechten und legt dabei besonderes Augenmerk auf die Rechte der Kinder in dieser Situation.


Publikation:

Konrad Duden, Leihmutterschaft im Internationalen Privat- und Verfahrensrecht – Abstammung und ordre public im Spiegel des Verfassungs-, Völker- und Europarechts (Studien zum ausländischen und internationalen Privatrecht, 333), Mohr Siebeck, Tübingen 2015, XXIV + 392 S.