Max-Planck-Gesellschaft

Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht

Private Law Gazette
Onlineausgabe Handwörterbuch des Europäischen Privatrechts


Podiumsdiskussion

am 6. Juni 2019, 14:00 -17:00 Uhr
im Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht


Kulturelle Diversität und Familie in Deutschland:
Ehe, Familienformen und Recht

In den vergangenen Jahren wurde in Deutschland kontrovers über die Grundlagen von Ehe und Familie diskutiert. Von zentraler Bedeutung ist dabei das Recht und seine gesellschaftlichen, kulturellen und ethischen Normen. Durch die jüngste Zuwanderung hat diese Diskussion neue Impulse erhalten und die bestehende Rechtslage wird erneut hinterfragt.


Gesellschaftliche Vorstellungen über die Bedeutung von Ehe und Familie sind im steten Wandel und werden vor dem Hintergrund neuer Lebensformen immer wieder neu justiert:

Immer mehr Paare entscheiden sich für ein Zusammenleben ohne Trauschein, die monogame Lebensweise wird in Frage gestellt und Bekenntnisse zu polyamorösen Beziehungen rücken verstärkt in die Öffentlichkeit. 2017 wurde die gleichgeschlechtliche Ehe in Deutschland legalisiert; viele Kinder wachsen in Gemeinschaften mit nur einem Elternteil oder in Patchworkfamilien auf.


Gesetze zur Bekämpfung von Kinderehen und der Mehrehe

Diese Pluralisierung der Lebensformen erzeugt aber auch Ängste und das Bedürfnis nach Abgrenzung. Diese Tendenz ist vor allem dort zu erkennen, wo ausländische oder religiös motivierte Lebensformen und Familienwerte Anerkennung suchen. Jüngstes Beispiel dieser Abwehrhaltung ist das im Juli 2017 erlassene Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen, das entgegen dem bisherigen Verständnis des Internationalen Privatrechts im Ausland wirksam geschlossenen Ehen zwischen Personen, die das 16. Lebensjahr nicht erreicht haben, pauschal die Anerkennung verwehrt.

Zudem hat sich der Bundesrat im Juni 2018 auf Antrag des bayerischen Freistaates mit einem Gesetzesentwurf zur Bekämpfung der Mehrehe beschäftigt. Der Entwurf sieht unter anderem vor, im Ausland nach ausländischem Recht wirksam geschlossene Ehen bereits verheirateter Personen nach deutschem Recht aufzuheben, wenn beide Partner in Deutschland ihren gewöhnlichen Aufenthalt haben.

Diese Gesetze, die als Abwehr von Ehen insbesondere aus dem Nahen und Mittleren Osten und Nordafrika gewertet wurden, bleiben indes aus rechtsstaatlicher und international-privatrechtlicher Perspektive äußerst problematisch: So hat der deutsche BGH im Dezember 2018 das Gesetz zur Bekämpfung von Kinderehen als potentiell verfassungswidrig erachtet und dem Verfassungsgerichtshof zur Beurteilung vorgelegt. Auch das Mehrehengesetz harrt noch seines Schicksals und ist noch nicht in Kraft getreten.


Wandelnde Kozepte von Ehe und Familie in der Diskussion

Mit diesen und anderen Bespielen möchte sich die Podiumsdiskussion den wandelnden Konzepten von Ehe und Familie im heutigen Deutschland zuwenden. Zugleich sollen die gegenwärtigen Entwicklungen in ihren historischen, sozialen, soziologischen und internationalen Zusammenhängen betrachtet werden. 



Die Teilnehmer*innen der Podiumsdiskussion werden u.a. folgende Fragen diskutieren:

  • Wie lassen sich diese Entwicklungen historisch einordnen?
  • Wie hängen verschiedene Debatten um die sich wandelnden Begriffe von Ehe und Familie zusammen?
  • Hat sich – und wenn ja wie – das Recht in Deutschland an die Diversität der Erwartungen in Bezug auf Ehe und Familie angepasst?
  • Wie hat die Einwanderung nach Deutschland Menschen, die in polygamen Beziehungen leben, beeinflusst?



Teilnehmer*innen


Diskussionsleitung:

Priv.-Doz. Dr. Nadjma Yassari, LL.M. (London)
Leiterin der Forschungsgruppe „Das Recht Gottes im Wandel – Rechtsvergleichung im Familien- und Erbrecht islamischer Länder“ am Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht

 


Dr. Patricia Arndt
, Vorstand Öffentlichkeitsarbeit, Verband kinderreicher Familien Deutschland e.V.


„In Deutschland leben 893.000 Familien mit mehr als zwei minderjährigen Kindern und jedes vierte Kind wächst in einer kinderreichen Familie auf. Diese Gruppe, die ziemlich unspektakulär ihren Alltag besteht, stets improvisiert, täglich Kompromisse schließt, sich streitet und versöhnt, übt täglich den Umgang mit dem anderen und ist geübt in Vielfalt. Eine wichtige Erfahrung, gerade in einer sich verändernden Gesellschaft.“


Dr. Ulrike Schaper
, Juniorprofessorin für Kolonialgeschichte, Geschlechtergeschichte und Tourismus, Freie Universität Berlin


Dr. Yafa Shanneik
, Islamwissenschaftlerin, University of Birmingham

„Der Mangel an rechtlicher und anderer sozialen Unterstützung im Aufnahmeland, bezüglich Ehe- und Scheidungspraktiken muslimischer Flüchtlinge, hat gravierende Auswirkungen auf Flüchtlingsfrauen und ihre Stellung in der Familie. Er führt dazu, dass Frauen alternative Wege finden müssen, um Lösungen für ihre Ehe- und Scheidungspraktiken zu finden.“ 


Prof. Dr. Norbert F. Schneider
, Direktor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung

„Ehe und Familie haben sich in den letzten 50 Jahren in Deutschland stark gewandelt. Im Kern stehen dabei der Übergang vom „being“ zum „doing family“ und die Wiederkehr der Vielfalt der Familienformen. Verbreitet wird dieser Wandel als krisenhaft interpretiert und das Verschwinden der „richtigen“ Familie beklagt. Soziologisch gesehen ist jedoch klar: „Die Familie“ und damit auch die richtige Familie gibt es nicht und hat es nie gegeben. Charakteristisch für Familie ist ihre Anpassungsfähigkeit an kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Verhältnisse.“

 



Um Anmeldung per E-Mail an
veranstaltungen@mpipriv.de wird gebeten.



Organisation: Georg-August-Universität Göttingen, Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht.

Diese Veranstaltung ist durch das European Union Horizon 2020 Forschungsprogramm Marie Skłodowska Curie Actions – Individual Fellowships unter Stipendium No 707072 (MARDIV) und durch das Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht gefördert.