Festkolloquium des Max-Planck-Instituts und der Claussen-Simon-Stiftung über „Juristen- und Richterausbildung“

Hamburg 29.03.2008

Anlässlich seiner Auszeichnung mit dem „Preis für Mentorship“ der Claussen-Simon-Stiftung lud Prof. Dr. Dr. Dr. h.c. mult. Klaus J. Hopt zu einem Kolloquium mit rechtsvergleichenden Beiträgen zur Juristen- und Richterausbildung. Dabei wurden insbesondere die Ausbildungssysteme für Juristen in Frankreich, England, USA, Japan sowie Russland, Georgien und weiteren GUS-Staaten erörtert und diskutiert. Abschließend wurde das Modell der Ausbildung „Europäischer Jurist“, wie es an der Humboldt-Universität Berlin in Kooperation mit ausländischen Universitäten angeboten wird, dargestellt.


Frankreich
Katrin Deckert von der Université Paris-Assas Paris II legte die Juristenausbildung in Frankreich dar: Die allgemeine Juristenausbildung ist seit 2002 in drei eigenständige Abschnitte untergliedert. Zunächst die License, sie dauert drei Jahre und gewährleistet eine umfassende Ausbildung. Hierauf folgt eine zweijährige Ausbildung zum Master, die entweder als forschungs- oder als praxisorientiertes Zusatzstudium absolviert werden kann. Schließlich folgt das dreijährige Doctorat, das ausschließlich der Forschung dient. Neben der allgemeinen Juristenausbildung existieren in Frankreich spezielle Ausbildungswege für die Anwalts- und Richterausbildung sowie eine Universitätslaufbahn. Deckert bewertete die französische Ausbildung eher skeptisch: das juristische Studium in Frankreich sei ein Massenstudium, bei dem es keine Möglichkeit gebe, seine Universität frei zu wählen. Das Stipendienwesen sei kaum entwickelt und die Raum- und Sachausstattung vieler Universitäten mangelhaft. Positiv hob sie jedoch hervor, dass die Sprachen- und Informatikausbildung in Frankreich sehr gefördert werde.
 
Großbritannien
Professor Eva Micheler, die sowohl an der London School of Economics als auch an der  Wirtschaftsuniversität Wien lehrt, betonte in ihrem Vortrag die Unterschiede der Juristenausbildung im Vereinigten Königreich im Vergleich zu Österreich. Während es in Großbritannien weniger auf die Vermittlung von Inhalten als auf die Entwicklung analytischer Fähigkeiten ankomme, müssten die österreichischen Studenten weiterhin die entscheidenden Inhalte des Rechts auswendig lernen. Diesen wesentlichen konzeptionellen Unterschied veranschaulichte sie an einem Prüfungsbeispiel zu den Gründungsvoraussetzungen von Kapitalgesellschaften. Anschließend legte Micheler dar, welche Berufsbilder und Ausbildungswege sich an den Abschluss der Universitätsausbildung anschließen. Insbesondere wies sie auf die Teilung in Solicitor und Barrister hin und erläuterte, wie sich die Berufung von Richtern auf den verschiedenen Gerichtsstufen vollzieht.
 
USA
In ihrem Vortrag über die Juristenausbildung in den USA stellte Professor Katharina Pistor von der Columbia University zunächst den historischen Hintergrund der Ausbildung seit dem Sezessionskrieg dar. Hierauf aufbauend skizzierte sie die gegenwärtige Ausbildungssituation mit ihrem Eingangstest LSAT (Law School Admissions Test) und dem dreijährigen JD-Studium (Juris Doctor). Weiterer Schwerpunkt des Vortrags von Pistor war die Darlegung folgender vier Punkte: Es sei eine klare Entwicklung von der Lehre des Rechts der Einzelstaaten hin zur Lehre des nationalen Rechts zu erkennen. Darüber hinaus stellte sie die dezentrale Organisation des Ausbildungssystems als Spezifikum für die USA dar. Außerdem leide das System in den USA  trotz der Innovationsfähigkeit des Systems an einer zunehmend zu beobachtenden Versteinerung, die insbesondere auch von der Einstellung der Studenten herrühre. Als letzten Punkt führte sie die zunehmenden Reaktionen auf die Globalisierung an. Beispielhaft stellte sie hierfür den von ihr an der Columbia Universität angebotenen Kurs vor, in dem sie den Studenten die grundlegenden Rechtsgebiete aus einer rechtsvergleichenden Perspektive nahe bringt.
 
Japan
Privat-Dozent Dr. Harald Baum, der das Japan-Referat am Max-Planck-Institut für Privatrecht leitet, gab einen Überblick über die aktuelle grundlegende Reform der Juristenausbildung in Japan und deren Einbindung in eine umfassende Neuausrichtung des dortigen Regulierungsmodells. Jahrzehntelang ist die Zahl der Richter und Rechtsanwälte durch extreme Zugangsbeschränkungen zu dem zentralen Juristenausbildungsinstitut, das für die praktische Ausbildung vergleichbar dem deutschen Referendariat zuständig ist und dessen erfolgreicher Abschluss die Zugangsvoraussetzung für die klassischen juristischen Berufe bildet, künstlich verknappt worden. Im Zuge eines angestrebten Wechsels von einer bürokratiegesteuerten und beim Marktzutritt ansetzenden ex ante-Regulierung hin zu einer ex post-Regulierung, die am Markverhalten orientiert und Fehlverhalten über die Gerichte im Nachhinein sanktioniert, hat sich in Japan die Erkenntnis durchgesetzt, dass Quantität und Qualität der im Lande praktizierenden Juristen ebenso dringlich wie nachhaltig zu erhöhen ist. Zu diesem Zweck sind in Japan zwischen 2002 und 2004 an fast allen juristischen Fakultäten nach US-amerikanischen Vorbild sog. “Law Schools” eingerichtet worden, die künftig eine anspruchsvolle und stärker praxisorientierte Juristenausbildung gewährleisten sollen.
 
Russland, Georgien und GUS-Staaten
Professor Lado Chanturia, Universitäten Bremen und Tiflis, erörterte die Bedeutung der Reform der Juristenausbildung als essentielle Voraussetzung für die erfolgreiche Durchsetzung der Rechts- und Gerichtsreformen in Russland, Georgien und anderen Staaten der GUS. Im sowjetischen Juristenausbildungskonzept war das Universitätsstudium eine notwenige, aber zugleich ausreichende Voraussetzung für den Zugang zu den juristischen Professionen. Die Staaten der GUS führen nun zunehmend Eignungs- und Zulassungsprüfungen sowie postuniversitäre Bildungseinrichtungen ein, um die Zulassungsvoraussetzungen für die einzelnen juristischen Berufe zu verschärfen. Und auch bei der universitären Ausbildung lässt sich eine zunehmende Europäisierung beobachten. So wurde in vielen Staaten der GUS das Studium an die Grundsätze des Bologna-Prozesses angepasst und eine Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse vorgenommen. Chanturia erklärt, dass trotz der umfassenden Reform der Juristenausbildung und des Versuchs, international anerkannte und geltende Standards umzusetzen, sich diese Bemühungen bisher unzureichend auf die Methoden des Unterrichts und den Inhalt ausgewirkt hätten: Traditionell sei das Studium in den GUS-Staaten sehr theoretisch orientiert sowie verschult und lasse kaum Raum für die Berücksichtung der Praxis.
 
Ausbildung zum „Europäischen Juristen“
Professor Stefan Grundmann von der Humboldt-Universität zeigte am Beispiel verschiedener in Europa existierender Richter-Typen wie wichtig eine internationale Juristenausbildung im vereinten Europa ist. Hierbei unterschied er zwischen den programmatisch-erfahrenen Richtern wie sie in England ausgebildet werden, den sozialwissenschaftlichen Richtern in Frankreich und den eher wissenschaftlichen Richtern in Deutschland. Um junge Elite-Juristen auf eine internationale Arbeitsumwelt vorzubereiten, wurde die European Law School gegründet. Sie ist ein Netzwerk aus der Humboldt-Universität zu Berlin, der Universität Paris II (Panthéon-Assas) und der University of London (King’s College). Gemeinsam bieten die Universitäten das neuartige Studienangebot „Europäischer Jurist“ und damit den ersten grundständigen juristischen Studiengang überhaupt an, der nationale und europäische Ausbildung integriert. Mit einem obligatorischen Auslandsstudium an den genannten Universitäten wird das Studium der europäischen Wirklichkeit gerecht. Deutsche Studenten studieren damit im Regelfall drei Jahre an der Juristischen Fakultät der Humboldt-Universität und dann je ein Jahr in Frankreich und England. Neben dem deutschen ersten Staatsexamen erreichen sie in ihrer Studienzeit von fünf Jahren zusätzlich noch den Abschlussgrad des französischen Masters und des britischen LLM.


Datum der Veröffentlichung: 29.03.2008

Bilder

Diskussion während des Kolloquiums - Harald Baum, Katharina Pistor, Eva Micheler, Klaus J. Hopt und Katrin Deckert (v. li.)

Lado Chanturia, Katharina Pistor, Harald Baum

  • Geändert am: 08.08.2011
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