Emigration deutschsprachiger Rechtswissenschaftler nach Großbritannien im 20. Jh – Jurists Uprooted

Die grenzüberschreitende Rezeption von Ideen vollzieht sich häufig auf verschlungenen Pfaden. Vielfach folgen die Ideen den Wanderungen der Träger dieser Ideen und sind mit deren Lebensschicksalen eng verbunden. Diese Lebensschicksale werden wiederum nicht selten von unvorhergesehenen, mitunter tragischen Ereignissen geprägt. Nichts macht dies deutlicher als die Zeit des Dritten Reiches, als insgesamt etwa 500.000 Menschen, mehr als 90 % davon jüdisch im Sinne der nationalsozialistischen Rassengesetze, aus Deutschland, Österreich und dem deutschsprachigen Teil der Tschechoslowakei vertrieben wurden. Viele von ihnen landeten schließlich, oft unter abenteuerlichen Umständen, in den Vereinigten Staaten, andere in England. Sie brachten in diese Länder ein Stück deutscher Kultur. "Thank you, Mr. Hitler", hieß es deshalb in Princeton, als Thomas Mann empfangen wurde. Doch die meisten Emigranten wurden weniger freundlich begrüßt oder gefeiert. Professoren mussten sich als Tellerwäscher oder Bäckergehilfen durchs Leben schlagen, Frauen aus ehemals wohlsituierten Familien verdingten sich als Putzhilfe, vielfach herrschte Not, Hunger, Ratlosigkeit und Depression. Mancher der Emigranten nahm sich das Leben. Und doch gelang es vielen, gegen alle Widerstände und trotz ungünstiger Verhältnisse, mit ihrer Arbeit fortzufahren oder in der Fremde eine neue Karriere zu beginnen. Ihr Gastland bot ihnen eine zweite Chance, die sie mitunter geradezu als ein Geschenk des Himmels empfanden. Der große Romanist Fritz Schulz verfasste im englischen Exil mit "History of Roman Legal Science" und "Classical Roman Law" zwei seiner bedeutendsten Werke. "Ressentiments gegen Deutschland habe ich nicht", schrieb er, obwohl seit sieben Jahren ohne feste Stelle, in einem bewegenden Brief vom August 1946, "denn wie geschrieben steht: Die Nazis gedachten es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen. Niemals wäre ich in Deutschland zu dieser Reife gediehen wie hier im freien England und vor allem im herrlichen Oxford, das eben auf der Welt nicht seinesgleichen hat."
Fritz Schulz war einer der insgesamt 132 in Deutschland tätigen Hochschullehrer der Jurisprudenz, die während der ersten drei Jahre der nationalsozialistischen Herrschaft aus ihrem Amt entfernt wurden. Die deutschen juristischen Fakultäten verloren damit aus politischen, ganz überwiegend aber aus rassischen Gründen, 26 % ihres Lehrkörpers. Zu den besonders schwer getroffenen Fächern gehörte das Römische Recht. Unter den 14 prominentesten Romanisten während der Weimarer Zeit waren sieben nicht-arisch im Sinne der Nazi-Gesetze. Otto Lenel und Otto Gradenwitz waren bereits emeritiert und starben 1935, die anderen fünf (Ernst Rabel, Ernst Levy, Fritz Schulz, Franz Haymann und Fritz Pringsheim) mussten emigrieren. Ein deutsch-englisches Gemeinschaftsprojekt beschäftigt sich nun mit den herausragenden Gestalten der deutschsprachigen juristischen Emigration, die es nach England verschlagen hat. Dabei geht es darum, den Leser mit der Biographie und der intellektuellen Herkunft der bedeutendsten dieser Juristen vertraut zu machen, ihre Karriere nachzuzeichnen, die wichtigsten in der Emigration entstandenen Werke vorzustellen und den Einfluss zu analysieren, den sie auf Rechtspraxis und Rechtswissenschaft in England (bzw. im Falle der Remigration) in Deutschland gehabt haben. Durch die Gesamtheit der Arbeiten soll gleichzeitig ein Beitrag zur intellektuellen Geschichte einer Reihe juristischer Teildisziplinen im England des vergangenen Jahrhunderts geleistet werden.
Herausgeber des im Herbst 2004 bei Oxford University Press erschienenen Bandes sind Sir Jack Beatson, bis 2002 Rouse-Ball Professor für Englisches Recht an der Universität Cambridge und seither Justice am High Court, Queens' Bench Division, und Reinhard Zimmermann, Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Privatrecht, Hamburg.


Inhaltsübersicht


- 'Was Heimat hieß, nun heißt es Hölle' - The emigration of lawyers from Hitler's Germany: political background, legal framework, and cultural context by Reinhard Zimmermann
- Aliens, Enemy Aliens, and Friendly Enemy Aliens - Britain as a Home for Emigré and Refugee Lawyers by Jack Beatson
- Fritz Schulz (1879-1957) by Wolfgang Ernst
-Fritz Pringsheim (1882-1967) by Tony Honoré
-David Daube (1909-1999) by Alan Rodger
-Roman Law in Twentieth-century Britain by Peter Birks
-Hermann Kantorowicz (1877-1940) and Walter Ullmann (1910-1983) by David Ibbetson
-Otto Kahn-Freund (1900-1979) by Mark Freedland
-Ernst J. Cohn (1904-1976) by Werner Lorenz
-Comparative Law in Twentieth-century England by J. A. Jolowicz
-Clive M. Schmitthoff (1903-1990) by John N. Adams
-F. A. Mann (1907-1991) by Lawrence Collins
-Martin Wolff (1872-1953) by Gerhard Dannemann
-Kurt Lipstein (*1909) by Christopher Forsyth
-Private International Law in Twentieth-century England by Peter North
-Wolfgang Friedmann (1907-1972), with an Excursus on Gustav Radbruch (1878-1949) by John Bell
-Gerhard Leibholz (1901-1982) by Manfred H. Wiegandt
-Lassa Oppenheim (1858-1919) by Mathias Schmoeckel
-Hersch Lauterpacht (1897-1960) by Martti Koskenniemi
-Georg Schwarzenberger (1908-1991) by Stephanie Steinle
-Public International Law in Twentieth-century England by James Crawford
-Hermann Mannheim (1889-1974) and Max Grünhut (1893-1964) by Roger Hood
-Emigré Legal Scholars in Britain - Personal Recollections by Peter Stein
-German Refugees in Oxford - Some Personal Recollections by Barry Nicholas
-Kurt Lipstein - The Scholar and the Man by Christian v. Bar
-Cambridge 1933-2002 by Kurt Lipstein
-Appendix by Frank Wooldridge, Jack Beatson, Reinhard Zimmermann

Die offizielle Präsentation des Bandes fand am 17. Dezember 2004 in Hamburg im Warburg-Haus statt. Für England ist der offizielle book launch bereits am 25. Oktober in den Räumen der British Academy erfolgt.

  • Geändert am: 04.07.2011
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